Über die Liebe

1. Korinther 13

Wenn ich mit Menschen-und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.

Die Liebe ist langmütig und freundlich;
die Liebe eifert nicht;
die Liebe treibt nicht Mutwillen;
sie bläht sich nicht;
sie stellt sich nicht ungebärdig;
sie sucht nicht das Ihre;
sie lässt sich nicht erbittern;
sie trachtet nicht nach Schaden;
sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit;
sie freut sich aber der Wahrheit;
sie verträgt alles,
sie glaubt alles,
sie hofft alles,
sie duldet alles.
Die Liebe höret nimmer auf,

so doch die Weissagungen aufhören werden, und die Sprachen aufhören werden, und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind und hatte kindische Anschläge; da ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindisch war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesichte. Jetzt erkenne ich’s stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Was kann die Liebe eigentlich nicht?

Die Liebe ist eine Macht! Gerhard Tersteegen bezeichnet Gott in seinem berühmten Lied als die „Macht der Liebe“. Diese Macht der Liebe hat sich „in Jesus offenbart“, in der Schwachheit des Menschensohnes, der am Kreuz gestorben ist. Und so hat die Macht der Liebe Gottes in Schwachheit und Tod einen Sieg errungen, der weit größer ist als alle menschlichen Ideen und Vorstellungen.

Die Liebe ist im Wesen Gottes

„Gott ist Liebe (agape)“ (1. Johannes 4,8.16). Liebe ist also ein Zug des Wesens Gottes. Gott muss sich demnach nicht vornehmen, auch nicht anstrengen zu lieben. Er kann gar nicht anders als lieben, sonst würde er seinem eigenen Wesen untreu werden (was unvorstellbar ist).
Weil Gott ewig ist, hat seine Liebe keinen Anfang und kein Ende. „Die Liebe vergeht niemals.“ (1. Korinther 13,8) Weil Gott unendlich ist, kennt seine Liebe keine Grenzen; weil er heilig ist, ist sie makellos rein.
Aufgrund ihrer Verankerung im Wesen Gottes ist die göttliche Liebe nicht an Bedingungen gebunden, die außerhalb von Gott liegen. Daher bedarf sie zu ihrer Entfaltung nicht der Gegenliebe, ja noch nicht einmal eines liebenswerten Gegenübers. So war es Gott möglich, uns seine Liebe darin zu erweisen, „dass Christus für uns gestorben ist“, „als wir noch Sünder“, ja sogar „Feinde“ waren (Römer 5,8.10).
Gottes Liebe ist daher kein wechselhaftes Gefühl, keine weiche sentimentale Angelegenheit, sondern die erwähnte dynamische, zielbewusste Macht, „stark wie der Tod“, von „harter“ Leidenschaft „wie der Scheol“; „ihre Gluten sind Feuergluten“ (Hohelied 8,6). Sie besteht nicht nur in Worten, sondern vor allem in der Tat, nicht in zweifelhaften Zugeständnissen, sondern in der Wahrheit. (1. Johannes 3,8)

Die Liebe ist in uns

Mit dem Heiligen Geist hat Gott sein Wesen in unsere Herzen gegeben. Als seine Kinder haben wir seine „göttliche Natur“ geerbt (2. Petrus 1,4). Damit hat er auch seine göttlich vollkommene Liebe „in unsere Herzen ausgegossen“ (Römer 5,5; Johannes 17,6; 1. Johannes 2,8).
Liebe (Agape) kann prinzipiell nur aus Gott kommen. Deshalb ist “jeder, der liebt, aus Gott geboren” (1. Johannes 4,7), d.h. es kann gar keiner in dieser Welt lieben, ohne aus Gott geboren zu sein. Wenn wir aber Gottes Leben besitzen, dann ist auch die Kraft in uns, seine Liebe weiterzugeben. Dann sind wir sogar schuldig zu lieben – zuerst unseren Gott und unseren Herrn Jesus Christus (Matthäus 22,28; Johannes 21,15-17; Offenbarung 2,2-5), dann die Kinder Gottes (Johannes 13,34; 1. Johannes 3,11;4,11;4,21;5,1) und die Menschen dieser Welt (Römer 13,9-10; 2. Korinther 5,14).
Welche Chance und Verantwortung zugleich in einer Gemeinde, die Gottes Liebe widerspiegeln soll, und in einer Welt, die nach Liebe schreit! Sollte das nicht im engsten Kreis beginnen: in der Familie, der Ältestenschaft der Gemeinde, im Mitarbeiterkreis der Sonntagsschule oder des Jugendkreises…?

Die Liebe kann nicht…

Die augenfälligste Beschreibung dieser Liebe in Gott und in uns finden wir im „Hohenlied der Liebe“ (1. Korinther 13). Zu ihrer Beschreibung (V. 4-7) werden 15 Eigenschaften benutzt:

Die Liebe

• ist langmütig (resigniert nicht)
• ist gütig (hört nicht auf, anderen Gutes zu tun)
• neidet nicht
• tut nicht groß
• bläht sich nicht auf
• benimmt sich nicht unanständig
• sucht nicht das Ihre
• lässt sich nicht erbittern
• rechnet Böses nicht zu
• freut sich nicht über die Ungerechtigkeit
• freut sich mit der Wahrheit
• sie erträgt alles
• sie glaubt alles
• sie hofft alles
• sie erduldet alles.

Man erkennt, dass die Liebe mit 15 Eigenschaften beschrieben wird. Dabei wird nicht über Gefühle und Romantik gesprochen, auch nicht in großen Theorien. Es werden Taten aufgezählt, an denen wir ganz konkret prüfen können, wie weit wir in der Liebe Gottes gewachsen sind. Beschreiben diese Tätigkeiten der Liebe unsere Beziehung zu unseren Brüdern und Mitmenschen?

Von den elf zuerst genannten Tätigkeiten sind nur die beiden ersten aktiv, positiv. Weitere acht stehen in der Negation. Unsere menschliche Sprache kann die göttliche Liebe offensichtlich mit negativen Ausdrücken treffender beschreiben, ihr fehlen einfach die positiven Worte. Das macht deutlich, wie wenig der natürliche Mensch in der Lage ist, die Liebe Gottes zu erkennen und umzusetzen.

Alle diese negativen Dinge kann die Liebe (agape) nicht tun. Wo sie bei uns noch auftreten, leben wir nicht in der Liebe Gottes, sondern in unserer alten fleischlichen Natur!
Noch mehr allerdings fordern uns die letzten vier Eigenschaften der Liebe heraus! Das Wort „alles“ duldet kein Ende, keinen Kompromiss. Wie fragte doch Petrus: „Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben?“ (Matthäus 18,21). Wo ist die Grenze? Bei siebenmal? „Nicht bis siebenmal“, sagt Jesus, „sondern bis siebzig mal sieben“ – ohne Grenze! Durch Anstrengung kann man das nie erreichen, allerdings durch ein verändertes Wesen.

Das erkennen wir an der Liebe unseres Herrn Jesus Christus. In seinem Leben ist jeder Zug der Liebe so vollkommen erfüllt, dass er uns lebendiges Vorbild ist. Zu jedem einzelnen Punkt lassen sich in den Evangelien viele Beispiele finden, die uns zur Bewunderung und zur Anbetung unseres Herrn führen. Und die uns praktisch von ihm lernen lassen!
Ebenso kann man zu jedem Punkt negative Beispiele im Verhalten der Christen in Korinth finden. Sie waren eben „fleischlich und wandelten nach Menschenweise“ (1. Korinther 3,3). Zu diesen beiden Punkten sind sicher eigene Bibelarbeiten wertvoll und hilfreich für das geistliche Leben.

Die Liebe…

…ist langmütig, ist gütig

Sie kann nicht aufhören, für den anderen Gutes zu denken, zu wollen, zu geben. Auch wenn der andere unserer Liebe nicht wert zu sein scheint, resigniert die Liebe nicht, verliert sie nicht die Beherrschung und den inneren Frieden. Auch wenn er uns verletzt oder immer wieder auf die gleiche Weise herausfordert, schlägt sie nicht zurück.

Echte Liebe kann nicht aufgeben.

Wie schnell sind wir manchmal miteinander „fertig“ oder gar feindselig, werden ungeduldig, laut und ungemütlich, wenn uns etwas „gegen den Strich geht!“ Lasst uns immer neue Anläufe in der Liebe nehmen, uns von unserem Verschulden reinigen und Gottes Kraft zu neuer Liebe erbitten.

Liebe neidet nicht

Das Wort beinhaltet gleichzeitig Neid und Eifersucht. Die Liebe gönnt dem anderen seine Erfolge, seine Siege, seinen Besitz, seine Anerkennung, seine Gaben, seinen Dienst. Sie freut sich sogar darüber. Viel Streit unter den Christen kommt daher, dass sich persönliches Konkurrenzdenken, Besserwisserei und Verlangen nach Anerkennung an Lehrfragen festmachen. Die meisten Auseinandersetzungen kommen aus Fragestellungen, die in der Bibel nicht eindeutig beantwortet sind, also vor Gott keine wichtigen Fragen sein können. „Die Liebe eifert nicht für den eigenen Standpunkt“, lesen wir in einer anderen Übersetzung sehr treffend.

Liebe tut nicht groß und bläht sich nicht auf

Angeberei und Sucht nach Anerkennung und Lob sind der Liebe fremd. Ebenso Hochmut und Arroganz. Damit stellt man sich über den anderen, verletzt ihn, baut Fronten auf. Dafür haben wir ein sehr feines Gespür; wir versuchen „mitzuhalten“, rebellieren oder ziehen uns zurück. Was wir besitzen, haben wir von Gott empfangen; dieses Bewusstsein schließt jeden Hochmut aus (1. Korinther 4,7). Der Hochmütige kann dem anderen nichts Gutes wünschen, weil sich dann seine Überlegenheit verkleinern würde.

Liebe benimmt sich nicht unanständig

Die Liebe lässt dem anderen seinen Raum zur Entfaltung. Sie ist nicht taktlos oder primitiv, fällt nicht unangenehm auf, übt keinen dominanten Druck aus (auch keinen frommen Druck!), zwingt, überfällt, beschämt, verletzt den anderen nicht, tut ihm nicht weh sondern wohl.

Liebe sucht nicht das Ihre

Die Liebe kann nicht egoistisch sein. Galater 5,19-20 zählt fünfzehn „Werke des Fleisches“ auf; acht davon zerstören die Beziehungen der Liebe zu Brüdern und Mitmenschen. Mit „Selbstsüchteleien“ wird eine dieser Entartungen übersetzt (vgl. auch 2. Korinther 12,20). Sie entspricht der Sucht, um jeden Preis die erste Geige zu spielen, mit Tricks, Dominanz und Intrigen. Parteibildung ist kollektiver Egoismus; man schließt sich zusammen, um etwas durchzusetzen. Die Liebe kann das nicht!

Liebe: sie lässt sich nicht erbittern

Die Liebe zieht sich nicht frustriert in das eigene Schneckenhaus zurück, um dann bei „günstiger“ Gelegenheit alles Gift auszuspucken, was man im Inneren darüber angesammelt hat, was einem „angetan“ worden ist. Sie wartet nicht darauf, jemandem etwas „heimzuzahlen“ oder ihn bloßzustellen. Die Liebe kann nicht bitter sein.

Wenn man sich ständig mit Beleidigungen, die getroffen haben, mit Unrecht, das angetan worden ist, mit „Recht“, das man nicht bekommen hat, oder Verletzungen, die man erdulden musste, beschäftigt (manche haben sogar regelrechte Listen angefertigt!), ist man auf dem besten Weg, die Liebe völlig zu verlieren. Ein Ausweg ist:

Liebe rechnet Böses nicht zu

Die Liebe hat die Kraft zur Vergebung, auch wenn der Schuldige uns noch nicht darum gebeten hat. Diese Vergebung gibt der Bitterkeit keine Chance. Von unserem Herrn können wir die Gnade erbitten, Böses zu verarbeiten. Vielleicht lernen wir dann sogar, das Böse mit dem Guten zu überwinden. (Römer 12,21)

Liebe freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich mit der Wahrheit

Allerdings kann die Liebe nicht alles dulden. Am Unrecht und am Bösen kann sie sich nicht mitfreuen – auch nicht, wenn man Gott Unrecht tut. Schadenfreude kennt sie nicht, auch nicht das negative Reden über den anderen. Vielmehr weint die Liebe mit den Weinenden und freut sich mit den sich Freuenden (Römer 12,15).

In dieser gottlosen und sündigen Welt denkt sie positiv über „alles, was wahr, alles, was ehrbar, alles, was gerecht, alles, was rein, alles, was liebenswert, alles, was wohllautend ist“, über jede Tugend und jedes Lob (Philipper 4,8).

Die Liebe sei ungeheuchelt

Dazu werden wir aufgefordert (Römer 12,9). Es geht nicht um anerzogenes gutes Benehmen, sondern um den inneren Kern unserer Persönlichkeit. Wir sollen uns nicht überwinden, jemandem Liebe zu erweisen, obwohl wir ihn gar nicht lieben; sondern der heilige Geist will unseren inneren Menschen immer mehr zur Liebe befähigen. Das ist die wichtigste Herausforderung für uns Christen.

Gerd Goldmann
aus: “Die Wegweisung” 2-2000